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Technologie & Vertrauen / Identität

Digitaler Lernpass: Self-Sovereign Identity und das eID Wallet

Die Frage, wie Bildungsnachweise im digitalen Zeitalter sicher, transparent und vor allem nutzerinnenzentriert verwaltet werden können, beschäftigt die Bildungsforschung seit geraumer Zeit. Die vorherigen Kapitel haben aufgezeigt: Blockchain-Technologien können Bildungsnachweise fälschungssicher speichern, während Game-Based Assessment Kompetenzen transparent dokumentiert. Es zeigt sich, dass die Wissenslücke zwischen Technologie und Pädagogik geschlossen werden muss. In diesem Zusammenhang stellt sich die Fragestellung: Wie könnte ein System aussehen, das all diese Elemente verbindet? Die Antwort findet sich im SSI eID Wallet – einem vielseitigen Werkzeug, das es Nutzenden ermöglicht, mehrere digitale Identitäten innerhalb einer einzigen, sicheren Plattform zu verwalten [Pfeiffer 2026, Kap. 10]. SSI steht für „Self-Sovereign Identity" (selbstbestimmte Identität): Die Nutzenden kontrollieren ihre eigenen Daten, nicht eine zentrale Behörde. Dies ist ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel in der Verwaltung von Identitätsdaten.

Das Konzept der Multi-Identität

Das eID Wallet kann verschiedene Token speichern: Kryptowährungen, Utility Tokens, Bildungsnachweise und Zugangsberechtigungen [Pfeiffer 2026, Kap. 10]. Jeder Token ist mit einem anderen Aspekt des digitalen Lebens verbunden und an eine gewählte Form der digitalen Identität geknüpft, die nach Relevanz und spezifischem Zweck ausgewählt wird. Die Multi-Identitäts-Funktion ermöglicht es Nutzenden, mühelos zwischen Rollen zu wechseln: Student_in, Arbeitnehmer_in, Bürger_in. Jede Rolle hat eigene Credentials (Nachweise) und Zugriffsrechte. Die Nutzenden entscheiden selbst, wer welche Daten sehen darf und können den Zugriff jederzeit widerrufen.

Rolle Gespeicherte Credentials Typische Verwendung
Student_in Diplome, Noten, Micro-Credentials, ECTS Bewerbung, Weiterstudium
Arbeitnehmer_in Berufszertifikate, Weiterbildungen Karriereentwicklung
Bürger_in Ausweisdokumente, Führerschein Behördengänge
Forscher_in Publikationen, Peer-Reviews Akademische Reputation
Spieler_in GBA-Ergebnisse, Achievements Kompetenznachweis

Anwendungsfälle im Bildungsbereich

Die Forschungsarbeit identifiziert mehrere konkrete Anwendungsfälle für den digitalen Lernpass [Pfeiffer 2026, Kap. 10]. In Bezug auf die inter-institutionelle Kurseinschreibung können Credits nahtlos zwischen Institutionen übertragen werden, was den administrativen Aufwand reduziert und mit Frameworks wie EBSI kompatibel ist. Weiters ermöglichen Utility Tokens den Zugang zu Campus-Services wie Bibliotheken oder Transportmitteln. Bei Bewerbungen können verifizierte Credentials sicher mit Arbeitgebenden geteilt werden, ohne die gesamte Bildungshistorie offenlegen zu müssen. Auch die Teilnahme an der Bildungsforschung wird erleichtert, da die Privatsphäre geschützt und gleichzeitig zur Forschung beigetragen werden kann. Letztendlich können Tokens auch für städtische Dienste, wie Vergünstigungen für öffentliche Transportrabatte, genutzt werden.

Zero-Knowledge Proofs: Beweisen ohne zu zeigen

Ein besonders beachtenswerter Aspekt des SSI Wallets ist die Möglichkeit, Zero-Knowledge Proofs (ZKPs) oder ähnliche selektive Offenlegungsmethoden zu verwenden [Pfeiffer 2026, Kap. 10]. Damit können Studierende beispielsweise ihr Alter oder ihr Bildungsniveau in digitalen Umfragen verifizieren, ohne ihre vollständige Identität preiszugeben. Konkret bedeutet das: Ein_e Arbeitgeber_in kann verifizieren, dass ein_e Bewerber_in einen Master-Abschluss in Informatik hat, ohne die einzelnen Noten, den Namen der Universität oder andere persönliche Daten zu sehen – sofern die Person dies nicht freigeben möchte. Die Blockchain bestätigt nur: „Ja, diese Person hat einen verifizierten Master-Abschluss in diesem Fachbereich.“ Ein klassisches Beispiel: Man kann beweisen, dass man über 18 Jahre alt ist, ohne das genaue Geburtsdatum zu nennen.

Denkanstoß: Denken Sie an die Komplexität von Datenschutzeinstellungen in sozialen Netzwerken. Viele Menschen akzeptieren Standardeinstellungen, ohne sie zu verstehen. Wenn ein Wallet noch komplexer ist: Wer schützt jene, die die Technologie nicht verstehen? Ist „Verschlüsselungs-Literacy“ die neue Grundkompetenz?

Die Verbindung zum EUDI Wallet

Parallel zur Forschungsarbeit veröffentlichte die Europäische Union das Konzept des EUDI Wallets (European Digital Identity Wallet): eine digitale Identitätslösung, die von den Regierungen der EU-Mitgliedstaaten bereitgestellt wird und die Möglichkeit bietet, vollständig verifizierbare Bildungsnachweise zu speichern [Pfeiffer 2026, Kap. 10]. Diese Entwicklung macht das SSI eID Wallet-Konzept nicht obsolet; im Gegenteil: Es ermöglicht dem Framework, als Brücke zwischen dem EUDI und anderen internationalen eID-Lösungen zu fungieren.

System Region Beschreibung
EUDI Wallet EU Europäische digitale Identität
NIST SP 800-63 USA Digitale Identitätsstandards
Gov.UK Verify Vereinigtes Königreich Britische Identitätsverifizierung
Aadhaar Indien Biometrische Identifikation
SSI eID Wallet Global Brücke zwischen allen Systemen

Das SSI eID Wallet könnte als Verbindung zwischen verschiedenen nationalen und regionalen Identitätssystemen dienen und die Welt näher zusammenbringen, anstatt sie durch digitale Mittel weiter zu teilen. Die befragten Fachleute bestätigen diese Vision: Expert_in [E-B11] empfiehlt ein Hash-basiertes System für sichere, nutzer_innenkontrollierte akademische Verifizierung; Expert_in [E-B7] befürwortet ein Wallet-basiertes System für die sichere Verwaltung und Weitergabe von Credentials.

Von der Vision zur Realität: Herausforderungen

Die Forschung ist sich der erheblichen Herausforderungen bewusst [Pfeiffer 2026, Kap. 10]. Die rechtliche Harmonisierung erfordert, dass unterschiedliche rechtliche und regulatorische Anforderungen in verschiedenen Jurisdiktionen angeglichen werden. In Bezug auf die technische Interoperabilität müssen verschiedene Blockchain-Systeme und Identitätslösungen miteinander kommunizieren können. Auch Datenschutz und Sicherheit sind essentielle Themen, da in verschiedenen Jurisdiktionen unterschiedliche Datenschutzstandards gelten. Regierungen, Standardisierungsgremien und Technologieanbieter müssen zusammenarbeiten, um diese Hürden zu überwinden. Weiters erfordern aufkommende Sicherheitsbedrohungen durch Quantencomputer Investitionen in quantenresistente Verschlüsselung.

Das EUDI Wallet wird Realität

Als die Forschungsarbeit an der University of Malta fertiggestellt wurde, war das EUDI Wallet noch ein Konzept. Im August 2026 ist es kurz vor der Implementierung. Die EU-Mitgliedstaaten müssen bis 24. Dezember 2026 mindestens ein European Digital Identity Wallet bereitstellen. Regulierte Unternehmen müssen es ein Jahr später akzeptieren. Die Europäische Kommission hat das Architecture Reference Framework in Version 2.8 veröffentlicht; 31 Implementing Acts sind bereits publiziert. Am 8. April 2026 wurde die Commission Implementing Regulation (EU) 2026/798 zum Wallet-Enrolment veröffentlicht: der erste echte Test, ob Bürger_innen einfach, sicher und in großem Maßstab in ein Wallet aufgenommen werden können. Ein entscheidender Punkt: Die Nutzung des EUDI Wallets ist freiwillig, nicht verpflichtend. Einfachheit beim Onboarding ist daher keine sekundäre Designfrage; sie ist die primäre Bedingung für Adoption. Dies knüpft an das Nudging-Prinzip der Default-Optionen an, bei dem Voreinstellungen Entscheidungen beeinflussen, um das Onboarding zu erleichtern, ohne die Freiwilligkeit einzuschränken.

Land Status Besonderheit
Frankreich France Identité live Bereits produktiver Service, expandiert
Italien IT Wallet System (IO App) 41,5 Mio. SPID-Nutzenden als Basis; private Wallets möglich
Polen mObywatel Fast 10 Mio. Nutzende; EUDI-Integration angekündigt
Österreich ID Austria + eAusweise Starke zweite Reihe; funktionierendes mobiles Credential-System
Deutschland Start 2. Januar 2027 Ambitioniert, aber höheres Verzögerungsrisiko

Die Entwicklung bestätigt die zentrale These der Forschungsarbeit: Ein digitales Identitäts-Wallet mit verifizierbaren Bildungsnachweisen wird Realität [Pfeiffer 2026, Kap. 10b]. Aber das EUDI Wallet allein löst nicht alle Probleme. Während das EUDI Wallet sichere Identifikation, Speicherung von Credentials und Selective Disclosure bietet, ermöglicht das SSI eID Wallet zusätzlich eine Brückenfunktion zwischen verschiedenen internationalen Systemen, eine spezifische Integration von Game-Based Assessment Ergebnissen und Multi-Identitäts-Management über Jurisdiktionen hinweg. Die befragten Fachleute bewerteten die Zukunftsrolle von Blockchain in Bildungstechnologien mit 5,75 von 7.

Fazit

Das SSI eID Wallet ermöglicht selbstbestimmte Identität, bei der Nutzende ihre eigenen Daten kontrollieren. Multi-Identität ist der Schlüssel, um zwischen Rollen zu wechseln und für jede Rolle nur die relevanten Credentials freizugeben. Zero-Knowledge Proofs schützen die Privatsphäre, indem sie beweisen, dass eine Aussage wahr ist, ohne die zugrunde liegenden Daten offenzulegen. Das Wallet fungiert als Brücke zwischen verschiedenen Systemen wie EUDI, NIST und Gov.UK und schafft einen globalen Standard für Bildungsnachweise. Die Herausforderungen sind erheblich, aber durch rechtliche Harmonisierung, technische Interoperabilität und Zusammenarbeit lösbar.


Quellen:
* Pfeiffer, A. (2026). Spielend in die Zukunft: A Playful Future. University of Krems Press. DOI: https://doi.org/10.48341/mp52-5743

Weitere wissenschaftliche und institutionelle Quellen: Quellen und Literatur.